Ende Juli steht der Großglockner Ultra-Trail an – mein ganz persönliches Highlight der Laufsaison nach dem Lappland Arctic Ultra. Seit über drei Monaten bereite ich mich akribisch darauf vor. Ich halte mich an meinen Trainingsplan, laufe Kilometer um Kilometer, sammele Höhenmeter, schwitze mich durch Hitzewellen im Juni und Juli.
Im Juni starte ich beim Grainau Trail im Rahmen des Zugspitz Ultratrails (ZUT) – 16 Kilometer, 760 Höhenmeter. Start ist mittags um 12 Uhr. Die Sonne brennt. Es sind weit über 30 Grad. Ich habe ein gutes Rennen, kann mich pushen immer wieder vom Speed Hiking in den Laufschritt zu verfallen und dabei trotzdem meinen Puls nicht zu hoch zu treiben - was durch die Hitze gar nicht so leicht ist. Ich lerne, dass Gänsehaut bei 30 Grad ein deutliches Alarmsignal ist. Mein Körper überhitzt und ich reduziere gegen Ende hin das Tempo, obwohl die Beine noch Kraft haben. Ich lerne auch, dass mein Magen bei diesen Temperaturen empfindlich reagiert und leite zukünftige Verpflegungsstrategien davon ab. Und ich liebe ich dieses Rennen, die Landschaft um die Zugspitze und die zahlreichen Anfeuernden. Es zeigt mir, dass sich das harte Training auszahlt.
Doch das intensive Training fordert seinen Tribut. Ich entwickle ein Schienbeinkantensyndrom – ein schmerzhafter Reizzustand der Knochenhaut, der schnell chronisch werden kann. Ich nehme es ernst. Die zweiwöchige Tapering-Phase (Erholungsphase vor dem Lauf) nutze ich diesmal wirklich zur Erholung: Zwei Wochen kein Laufen. Stattdessen schwimmen und Rennrad fahren.
Umso größer ist die Vorfreude auf den Großglockner Trail (GGUT). Ich bin für die 57-Kilometer-Strecke gemeldet: 3.500 Höhenmeter, 16 Stunden Zeitlimit. Die Strecke führt von Kals über die Glorer Hütte, das Glocknerhaus und die Pfandlscharte nach Fusch und schließlich nach Kaprun.
Doch das Wetter schlägt um. Nachdem es die letzten Wochen zuverlässig sonnig und warm war, steht nun eine Regenfront an. Am Tag vor dem Rennen ist klar, womit ich zu rechnen habe: Dauerregen bei 10 bis 15 Grad.
Am Vortag des Laufs hole ich mit meinen Eltern und meinem Mann die Startnummer. In weiser Voraussicht investiere ich noch in hochwertige Regenkleidung. Ich bin vorbereitet – körperlich, mental und gut ausgerüstet.
Los geht's
Knapp 600 Läufer:innen stehen bereit. Es regnet. Es ist kalt. Und trotzdem - die Stimmung ist gut. Ich bin voller Vorfreude, fühle mich stark. Meine Familie feuert mich an. Um 7:30 Uhr geht es los. Die ersten Kilometer führen durch das malerische Dorf, vorbei an alten Erbhöfen. Hinter dem letzten Hof macht der Weg eine Biegung und es geht eine Forststrasse bergauf. Hier beginnen nun die meisten das Tempo zu drosseln und schnell zu gehen. Auch ich packe meine Stöcke aus und wandere im schnellen Tempo die Steigung bergauf. Die erste Stunde vergeht schnell, der Regen hält konstant an und ich weiß nicht, ob ich von außen oder innen nass bin. Fakt ist, mir ist heiß. Ich fühle mich gut und ich freue mich wahnsinnig auf die tolle Strecke, von der ich Teile von meiner Besteigung des Großglockner kenne. Und die Regenwolken geben der Szenerie etwas mystisches.
Doch kurz vor 9 Uhr macht mich etwas misstrauisch. Die Läufer kurz oberhalb haben gestoppt. Nein, noch viel schlimmer, sie drehen um. Der ganze Pulk, der noch vor mir war, läuft nun auf mich zu. Das Rennen sei gestoppt, zu gefährlich seien die Wetterbedingungen.
Ich drehe um - gemeinsam mit allen anderen. Ca. sieben Kilometer und 800 Höhenmeter downhill zurück. Im Hotel schaffe ich es noch rechtzeitig zum Frühstück. In nasser Kleidung, mit Startnummer am Bauch, sitze ich im Frühstücksraum, esse eine Honigsemmel, trinke Kaffee und versuche die Enttäuschung zu verdauen.
Hier, im Trockenen, erfahre ich, dass es auf der Glorer Hütte Temperaturen von Minus drei Grad gegeben habe und die ersten Läufer Anzeichen von Hypothermie, also Unterkühlung, gezeigt hätten. Da das Wetter sich auf der Strecke nicht hätte bessern sollen, war es dem Veranstalter zu gefährlich, das Rennen weiterlaufen zu lassen.
Auf der einen Seite denke ich mir, dass die Läufer:innen mit Hypothermie bestimmt nur in T-Shirt und kurzer Hose unterwegs waren. Ich hatte zusätzlich eine Regenjacke an, eine Regenhose und ein Langarmshirt dabei. Auf der anderen Seite kenne ich Hypothermie von meinen Vorbereitungen auf den Lappland Arctic Ultra im Winter. Ich weiß, wie elendig man sich fühlt, wenn man so sehr zittert, dass man nichts mehr greifen kann, sich nicht kontrolliert bewegen kann. Am Berg brauche ich das nicht.
Mit Sicherheit hat der Rennveranstalter die Entscheidung nicht leichten Herzens getroffen, schließlich war es das 10 jährige Jubiläum. Es war eine Entscheidung für die Sicherheit der Athlet:innen und gegen das Risiko.
Dennoch, es war für mich das wichtigste Rennen, neben dem Lappland Arctic Ultra. Ich hatte mich durch die harte Vorbereitung gekämpft, ich wollte zeigen, was ich kann. Ich wollte erleben, was möglich ist. Außerdem ist es nicht oft, dass meine Eltern und mein Mann dabei sind zum Anfeuern. Die Enttäuschung ist nun also groß.
Ich versuche auch etwas Positives zu sehen. Mein Schienbein kann sich etwas länger erholen. Ich kann mich regenerieren, neu fokussieren – auf mein drittes Herzensprojekt in diesem Jahr: die Tour de Tirol im Oktober.
Was bleibt, wenn ein Ziel platzt?
Das Rennen wurde abgebrochen. Und doch war es Teil meiner Reise. Es hat mir wiedereinmal gezeigt, wie wichtig mir dieser Sport und der Rückhalt meiner Familie ist. Vielleicht liegt darin auch eine größere Wahrheit: Der Umgang mit Rückschlägen ist nicht das Ende eines Traums – sondern oft sein Anfang.
Denn manchmal bringt uns ein Umweg genau dorthin, wo wir innerlich wachsen dürfen.
Und wer weiß, ob ich nicht nächstes Jahr die hundert Kilometer rund um den Großglockner laufe?






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Pa (Sonntag, 27 Juli 2025 22:16)
Ich bin begeistert von deinem Blog.