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Lappland Arctic Ultra - 185 Kilometer durch Schwedens Wildnis

Der Lauf beginnt

Am Morgen des Rennens werden erst die Schlitten verladen dann die Athleten und Athletinnen. Von unserem Basislager in Jockfall fahren wir nach Överkalix, dem Startpunkt des Rennens, Um 09:30 Uhr stehen wir an der Startlinie. 24 Läuferinnen und Läufer, die sich auf zwei extreme Distanzen begeben - 185km und 500 km durch die Arktis. Kurz zuvor sind viel bereits der Startschuss für die beiden "Kurzdistanzen", 20km und 50km. 


Dies ist kein prestigeträchtiges Rennen mit Eliteläufern. Hier zählt nicht die Bestzeit, hier zählt das Ankommen. Jeder hat seinen eigenen Grund, sich der Verantwortung zu stellen.


Manche werden von Filmteams begleitet: Unter anderem nimmt ein Team aus vier Veteranen teil, unter dem Banner "Fire and Ice". Sie sammeln Spenden für Kriegsveternanen. Auch eine Reiseinfluencerin wagt die besondere Herausforderung. Im vergangenen Jahr bereits versuchte sie sich an den 185 km, musste aber abbrechen. Sie wurde damals von ihrem Hund begleitet und der vertrug die Temperaturen nicht. Dieses Jahr startet sie ohne Hund in der 500km Distanz. 


Andere suchen die Ruhe, die Einsamkeit, die Stille Lapplands. Und ich? Ich will beweisen, dass wir mehr schaffen, als wir denken. Dass wir unsere Grenzen überwinden und unsere Limits verschieben können. Und natürlich suche ich das Abenteuer, allein auf mich allein gestellt in der eisigen Kälte vier Tage lang zurecht zu kommen.

 

Der Startschuss fällt

Angefeuert von den Locals setzen wir uns in Bewegung, verlassen die kleine Stadt Överkalix und tauchen ein in die unendliche Weite Lapplands. Die ersten 20 Kilometer führen über einen zugefrorenen Fluss. Die Welt wird leise. Nur das sanfte Knirschen des Schnees unter meinen Schuehn, der Schlitten, der hinter mir gleitet. Schweeflocken wirbeln sanft durch die Luft, alles ist in weißes Licht getaucht. Ja, ich bin hier richtig.

Die ersten Kilometer: Euphorie und Einsamkeit

Anfangs sind wir noch eine Gruppe. Ich unterhalte mich kurz mit einem Engländer, der bereits Erfahrung mit arktischen Rennen hat. Doch nach wenigen Kilometern trennt sich das Feld - jeder läuft sein eigenens Tempo. 


20, 25 Kilometer vergehen, Wir folgen den merkierten Schneemobil Trails. Der Schnee ist durch die Schneemobile verdichtet, aber bei 0 Grad nicht gefroren. Eine ungewohnte Beschaffenheit. Am Nachmittag geht es dann bergauf. Erst sanft, dann steiler.


Die letzten Meter sind magisch. Es ist bereits dunkel und Schwedenfeuer leuchten den Weg. Sterne funkeln am Himmel. Ich erreiche den Checkpoint Laxforsberget. Ein großes Tipizelt wurde im Schnee aufgebaut. Die Sitzflächen aus Eis sind mit Fellen belegt um so ein bisschen Wärme und Gemütlichkeit zu erzeugen. Und in der Mitte des runden Zeltes steht ein Holzofen, an dem wir unsere Füße wärmen. 


Ich bekomme warmes Essen und eine heiße Schokolade und schlage mir den Bauch voll. Doch allzulange halte ich mich nicht auf, die erste Nacht wartet auf mich.

Die erste Nacht bricht herein

Der Schlitten der mich zunächst gebremst hat will nun nur noch eines: nach unten. Dadurch angeschobben jogge ich langsam durch die Dunkelheit ins Tal. Mein ursprünglicher Plan war, bis zum nächsten Checkpoint in Jockfall bei Kilometer 85 zu laufen. Doch langsam wird mir klar, das wird heute nichts, ich brauche eine Pause. Ich erwäge in einer Schutzhütte zu schlafen. Doch ein Blick auf die Karte zeigt, noch 15 Kilometer bis zur nächsten Hütte. Normalerweise eine kurze Distanz - hier draußen würde es aber vier weitere Stunden dauern. Keine Chance.


Und so entscheide ich mich am Wegrand mein Zelt aufzuschlagen. Ich krieche in den warmen Schlafsack und lasse die Stille Lapplands auf mich wirken.  

Der zweite Tag - Aufgeben ist (k)eine Option

Ich wache früh auf. Das Zelt muss abgebaut werden, die Wasservorräte gehen zur Neige. Ich muss also noch Schnee schmelzen, bevor ich weiter kann.

Nach einer schnellen heißen Schokolade und einer Waffel mache ich mich an die Arbeit.


Schnee schmelzen ist eine heiden Arbeit. Ein Topf voller Schnee ergibt nur ein kleines Becherchen Wasser. Und mein Benziinkocher, anders als ein Gaskocher, erfordert ständige Aufmerksamkeit. Druck aufbauen, Benzin pumpen, Flamme stabil halten. Und dann das nächste Problem: Mein Topf hat keinen Ausguss, die Thermoskanne aber nur eine schmale Öffnung. Und so geht leider auch noch einiges an mühsam gewonnenem Wasser daneben.


Nachmittags komme ich langsam in vertraute Gefilde - der Trail verläuft nebem dem zugefrorenem Fluss, der sich bald in den Wasserfall, dem Jockfall, ergießt. 

Die Szenerie ist atemberaubend. Nebel steigt über dem Fluss auf, Sonnenlicht bricht durch die Bäume. Und noch besser, ich weiß, bald sehe ich Martin.


Da er mich auf dem Live-GPS Tracker verfolgt hat, kommt er mir sogar entgegen. Gemeinsam erreichen wir den Checkpoint.

In Jockfall wartet alles, was mich zum Bleiben verleiten könnte: Warmes Essen, eine Unterkunft, eine Dusche und allen voran natürlich mein Mann. Ich bin noch nie 85 Kilometer am Stück gelaufen - eigentlich reicht das doch. Jetzt nochmal 100 Kilometer vor mir - das schien unvorstellbar. 


Einfach nochmal 2 Kilometer weiterlaufen. Wenn es gar keinen Spaß macht höre ich auf. So konnte ich mich motivieren Jockfall wieder zu verlassen. Martin begleitet mich noch ein Stück, dann bin ich wieder alleine und die Nacht bricht herein.

100 Kilometer

Es ist Nacht und circa Minus 20 Grad als ich die 100 Kilometer Marke knacke. 


Der Trail führt inzwischen lange Strecken über zugefrorene Flüsse und Seen. Hier ist es besonders kalt, der Windchill Effekt setzt ein. Ein Zelt kann ich hier nicht aufbauen, und dennoch: ich muss rasten.


Ich setze mich auf den Schlitten, ziehe meine diecke Jacke an und versuche mich kurz auszuruhen. 


Nach sechs Minuten ist mir eiskalt. Ich muss dringend weiter, mich wieder bewegen. 


Gegen 2 Uhr Nachts erreiche ich das Ufer und damit auch eine Schutzhütte. Zum Glück ist sie offen und ich kann einfach meinen Schlafsack in dem eiskalten Raum ausrollen und ein bisschen schlafen.

Tag 3 - ein perfekter Morgen

Die Sonne strahlt von einem makellos blauem Himmel, der Schnee glitzert im Licht. Ich fühle mich erholt und motiviert als ich mich auf den Weg mache. Ich bin zuversichtlich noch heute Nacht das Ziel zu erreichen.


Nur 30 Minuten nach dem Loslaufen erreiche ich den dritten und letzten Checkpoint: Polar Circle Cabin. Dort bekomme ich ein erstmal eine große Portion Nudeln und eine heiße Schokolade zum Frühstück. Nach zwei Tagen voller Müsliriegel, Gummibärchen, Nüsse und Kräcker genau das, was ich brauche. Und die Portion ist sogar so groß, dass ich mir die Hälfte für später einpacke. 


Allzulange halte ich mich nicht in der gemütlichen Hütte auf, zu groß ist die Verlockung zu bleiben. Die nächsten Stunden genieße ich den Lauf durch die verschneite sonnige Landschaft. Und auch wenn ich wirklich keine Lust auf meine Snacks mehr habe, ich esse regelmäßig und halte meine Energiezufuhr konstant. 

Erschöpfung und Stimmungstief

Am frühen Nachmittag erreiche ich eine weitere Schutzhütte. Ich bin erschöpft. Nicht körperlich, viel mehr mental. Jeder Kilometer zieht sich endlos, die Distanz vor mir wirkt unüberwindlich. Ich entscheide mich für eine kurze Pause in der Hoffnung neue Kraft zu sammeln.


Doch die Hütte ist eisig kalt. Sogar in meiner dicken Jacke finde ich keine Ruhe. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, statt Energie zu sammeln, verbrauche ich nur weitere. Mit meinem Messer hacke ich Holz und schmelze Schnee. In der Hüttte heize ich dann den Kamin an und mache mir sogar eine kleine Wärmflasche. Doch trotz der mühsam geschaffenen Wärme ist die Pause bei weitem nicht so erholsam wie erhofft.


Die Nacht steht bevor. Und statt kurz vor dem Ziel bin ich noch so weit davon entfernt. Ein weiteres Mal muss ich in der Dunkelheit laufen, ein weiteres Mal mich der Kälte stellen. 


Dann höre ich Motorgeräusche. Robin, ein Crew Mitglied fährt auf dem Schneemobil die Filmcrew des Fire and Ice Projekts zu meiner Hütte. Ich habe es euch schon warm gemacht scherze ich noch. 

Robin checkt meinen GPS Tracker, der wohl schon eine Weile nicht mehr sendet. Bevor er sich wieder auf den Weg macht, brauche ich aber vor allem eines: eine ganz große Umarmung. Das Gesicht in die Schulter gedrückt schluchze ich kurz, ein bisschen Selbstmitleid muss sein. Dann bin ich bereit weiter zu gehen.

Die letzte Nacht

Die nächste eiskalte Nacht liegt drohend vor mir. Diesmal wird es besonders hart, das war mir klar. Es gibt keine weitere Hütte und bis zum Ziel werde ich es nicht schaffen. Stattdessen erwarten mich endlos lange Passagen über zugefrorenen Seen. 


Ein Schneemobil kommt auf mich zu. Es ist eine Fahrerin, sie spricht mich an: Are you Stephanie from Germany? Sehr verdutzt bejahe ich. Sie wohne hier in der Gegend und wolle mir nur sagen, dass sie sehr beeindruckt von meiner Leistung ist. Wir plaudern kurz ein bisschen. Sie erzählt, dass die Nacht sehr kalt werden wird und wir vielleicht sogar Polarlichter sehen können. 

Diese kleine Begegnung ist nochmal ein großes Higlight des Tages, der ja im Großen und Ganzen doch eher einsam war.


Lange halte ich nicht mehr durch. Zu groß ist die Angst vor Kälte und Erschöpfung. Während ich mir noch ausmale, wie das Eis unter meinen Füßen bricht und ich vom dunklen See verschlungen werde, beschließe ich mein Zelt aufzubauen. 

Tag 4 bringt Schnee - und mich ins Ziel

Als ich am nächsten Morgen aufwache muss ich feststellen, dass es über Nacht geschneit hat. Fast 20 cm Neuschnee sind gefallen. Mit jedem Schritt sinke ich tief ein. Ich wechsle in meine Schneeschuhe, aber das Vorankommen ist weiterhin mühsam. Der Himmel ist weiß, die Erde ist weiß und das fortwährende Schneegestöber verkürzt die Sicht auf wenige Meter.


Ich verliere jeden Überblick über die Zeit während ich mir meinen Weg durch den Schnee bahne. Zudem ernähre ich mich schlecht. Immer seltener und lustloser beiße ich in meine Snacks, zu selten trinke ich Wasser. Die Luft ist raus, ich bin erschöpft.


Wütend schreie ich meinen Schlitten an, den Wald, den See, mache meinem Frust Luft. Warum mache ich das hier eigentlich. 


Bevor mich diese Emotionen aber völlig überwältigen, schaffe ich es, mein Mantra auf Dauerschleife abzuspielen: Du willst es, du kannst es, du schaffst es. Schritt für Schritt arbeite ich mich weiter durch den Schnee. Mit der Zeit verfliegt die Wut. Ich nehme wieder die Landschaft um mich herum war, erkenne ihre Schönheit in den unberührten Weiten und der Stille.


Der letzte Push

Mittags erreichte ich ein offenes Shelter. Ein letztes Mal Schnee schmelzen, ausruhen, essen. Und dann kam sie zurück – die Sonne. Und mit ihr meine gute Laune. Ich wusste: Das Ziel ist nur noch wenige Stunden entfernt.


Auf den letzten Metern schalte ich meine Musik aus. Ich will diesen Lauf noch einmal Revue passieren lassen, an alles denken, was mir geholfen hat bis zu diesem Punkt zu kommen. Die Unterstützung meines Mannes. Meiner Familie, die zu Hause den Livetracker verfolgt hatte. Freunde und Kolleg:innen, die immer wieder Nachrichten geschickt und mich angefeuert hatten. Und natürlich die kontinuierliche Vorbereitung schon Jahre vor dem Lauf. Ich hatte so viele Kilometer hinter mir – und jetzt war das Ziel zum Greifen nah.


Der Zieleinlauf – Ein Moment für die Ewigkeit

Dann war es soweit. Mein Mann wartete auf mich. Die freiwilligen Helfer:innen standen bereit, eine ausgestiegene Teilnehmerin feuerte mich an, und Olof, unser Trainer, war da.


Ich mobilisierte meine letzten Reserven – und sprintete über die Ziellinie.

Die Medaille wurde mir umgehängt. Groß, schwer – und so hart verdient.

Viele Umarmungen später nahm man mir meinen Schlitten ab. Ich bekam eine heiße Schokolade und ein warmes Essen.

Und während ich im Zieleinlauf noch erstaunlich frisch aussah, so zeigt auch das Bild, das nur wenige Stunden später entstanden ist, die Spuren der letzten 185 km.