· 

Wie ich mich auf 185km alleine in Eiseskälte vorbereite

 

185 Kilometer durch die Europas letzte Wildnis – eine Distanz, die man nicht einfach spontan angeht. Mir war klar: Wenn ich dieses Rennen bestehen will, braucht es eine gezielte Vorbereitung – körperlich, mental und mit der richtigen Ausrüstung.

Von der ersten Joggingrunde zu 185 km durch Lappland

Vor vier Jahren war ich eine Laufanfängerin - 10-15 km Laufumfänge pro Woche. Eine Laufanfängerin, die von einem Ultramarathon träumt. Doch von 0 auf 185 km? Keine kluge Idee. Also begann ich, meine Joggingrunden immer weiter auszudehnen, die Umfänge nach und nach zu erhöhen. 


Mein erster Marathon war eine enorme Herausforderung – hätte mir das jemand mit 20 Jahren erzählt, dass ich überhaupt einen Marathon laufe, ich hätte gelacht. Doch schon bald wurde eine Marathondistanz eine Trainingseinheit. 

Dann kam eine neue Herausforderung: 2023 zogen mein Mann und ich nach Bangalore, Indien, wo ich als Expat für BSH arbeitete. Während ich in Deutschland über Felder und durch Wälder lief, wurde das Training in Bangalore ein Überlebenskampf: stickige Luft, hupende Autos, Menschenmassen. Laufen war hier nicht einfach Training oder Zeit um den Kopf abzuschalten – es war eine tägliche Herausforderung. Oft blieb mir nichts anderes übrig, als aufs Laufband auszuweichen, stundenlang, monoton. 


Und doch absolvierte ich in Indien meine ersten beiden Ultramarathons – einer davon auf bis zu 4.500 Metern Höhe im Himalaya. Aber das ist eine andere Geschichte.

Stück für Stück, Kilometer für Kilometer, trainierte ich meinen Körper und meinen Geist für Lappland. 


Im August 2024 begann dann die gezielte Vorbereitung. Es galt, drei zentrale Elemente zu optimieren: körperliche Fitness, mentale Stärke und die richtige Ausrüstung.

Fitness: Kilometer sammeln, aber mit Plan

Mein Training bestand nicht aus absurden Laufumfängen, wie man vielleicht erwarten würde. Stattdessen verfolgte ich eine pragmatische Strategie, die ich neben meinen beruflichen Herausforderungen gut in meinen Alltag integrieren konnte: Ich lief rund 50-70 km pro Woche. Ich lief pro Monat nur unwesentlich mehr als im eigentlichen Rennen – eine Taktik, die erstaunlich gut funktionierte.


Doch der Körper sendet klare Signale: Im Februar machten sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Schmerzen im Hüftbeuger zwangen mich, mein Pensum drastisch zu reduzieren. Aber ich wusste: Die Arbeit war getan. Eine Woche Pause würde nichts mehr am Ergebnis ändern.


Neben dem Lauftraining setzte ich konsequent auf Krafttraining – mindestens zwei Einheiten pro Woche – und startete jeden Morgen mit Mobility und Yoga. Denn ein starker, flexibler Körper hält nicht nur länger durch, sondern beugt auch Verletzungen vor. Außerdem musste mein Rumpf stark genug sein, um 20-25 kg Schlitten durch den Schnee zu ziehen.


Alpiner Marathon im Januar 2025 als Trainingseinheit
Alpiner Marathon im Januar 2025 als Trainingseinheit

Mentale Stärke: Das Rennen beginnt im Kopf

Ich wusste: Dieser Lauf wird nicht nur körperlich entschieden. Der Kopf läuft mit – oder er gibt auf. Und wer einmal einen Marathon gelaufen ist, weiß: Das Training ist oft härter als das eigentliche Rennen.


Während ich auf dem Laufband in Bangalore Kilometer abspulte, stellte ich mir nicht die sterile Studioumgebung vor. Ich lief durch Wälder, roch frisch gemähtes Gras, hörte das Zwitschern der Vögel. Ich visualisierte Lappland: endlose Weiten, Schnee unter meinen Schuhen, das leise Knirschen bei jedem Schritt. Ich stellte mir vor, wie es sich anfühlen würde, dort zu laufen – und wie es sich anfühlen würde, im Ziel anzukommen.


Zusätzlich nutzte ich weitere mentale Techniken, die ich aus Michele Ufers Buch „Mentaltraining für Läufer“ übernommen und in meine Trainingsroutine integriert hatte. Diese Strategien halfen mir, meine Gedanken zu steuern – besonders dann, wenn es hart wurde.


Ausrüstung: Wie fühlt sich -20 Grad wirklich an?

Ein Ultramarathon in Lappland bedeutet nicht nur Laufen – er bedeutet auch Überleben unter extremen Bedingungen. Doch wie bereitet man sich auf Temperaturen zwischen +2°C und -20°C vor, wenn man sie noch nie erlebt hat?

Ich sprach mit einer Teilnehmerin des Vorjahres und mit dem Veranstalter, um die Bedingungen realistisch einschätzen zu können. Die Antwort auf die Kälte lautete: Layering – das richtige Schichtensystem.

Mein Base Layer bestand aus einem langärmeligen Merino-Shirt – Wolle hat den Vorteil, dass sie selbst in nassem Zustand wärmt. Darüber trug ich eine Merino-Jacke, eine Weste, eine Daunenjacke und eine Hardshell-Regenjacke. Für extreme Bedingungen hatte ich zusätzlich eine Arktis-Daune dabei.

Untenrum war es einfacher: Eine Thermo-Leggings und bei starkem Schneefall eine Hardshell-Regenhose. Mein Geheimtipp: Ein Thermorock, den ich in Pausen überziehen konnte, um den Beckenbereich warmzuhalten.

Und die Schuhe?

 Ich lief in Gore-Tex-Trailrunningschuhen, kombiniert mit wasserdichten Socken und Gamaschen – denn nasse Füße sind in der Kälte der schnellste Weg zum Abbruch.

Volle Winterausrüstung
Volle Winterausrüstung
Laufausrüstung
Laufausrüstung

Verpflegung - ohne Mampf kein Kampf

Ich laufe gerne Ultramarathons, weil ich unheimlich gerne esse. Und das ist auch ein ständiger Witz und Trail- und Ultraläufern und Läuferinnen, dass wir mehr essen als rennen.

Von ganz ungefähr kommt dieses Vorurteil und die ganzen Witze darüber nicht.


Ohne Mampf kein Kampf, ohne eine vernünftige Verpflegung halten weder Körper noch Kopf durch. Nicht die Anstrengung und auch nicht die Kälte. 

Auf der Strecke gab es vier Checkpoints, bei 37km, 85km und 115km. Hier gab es heiße Getränke sowie sowie eine warme herzhafte Mahlzeit. Das reicht aber lange nicht aus, um genug Energie zu haben.


Die Energiezufuhr während des Rennens plante ich akribisch. Ich unterteilte das Rennen in 5 Abschnitte, jeweils basierend auf Checkpoints und meiner ursprünglichen Idee zu rasten. Ich plante, wieviel Zeit ich ungefähr für jeden der 5 Abschnitte benötigen würde und dann 200kcl pro Stunde. 

Diese nahm ich in Form von Müsli- und Proteinriegeln, getrocknetem Obst, Gummibärchen, Salzbrezeln, Linsenwaffeln, Kohlehydratgelen, Smarties und Schokoriegeln zu mir. Alles Sachen, die ich gerne mochte, genügend Abwechslung um möglichst lange mit Appetit zu essen. 


Ich schnürte mir fünf Futterpakete, und kennzeichnete sie entsprechend pro Streckenabschnitt.


Ein Geheimtipp ist noch Brühpulver: da die meisten Snacks eher süß sind, fehlt einem irgendwann der salzige Geschmack. Ich nehme mir dafür Brühpulver mit und mache mir dann öfter eine Tasse klare Brühe. Das wärmt und schmeckt lecker salzig.


Verpflegung
Verpflegung

Die Zweifel: Zwischen Vernunft und Abenteuer

Trotz all der monatelangen Vorbereitung begannen wenige Wochen vor dem Rennen die Zweifel an mir zu nagen. War das wirklich eine gute Idee?


Es stand viel auf dem Spiel – nicht nur körperlich, sondern auch finanziell. Die Renngebühren, das Arktis-Survival-Training, die Leihgebühren für Schlafsack und Pulka, die teure Winterkleidung, die Unterkunft – all das hatte sich zu einer beachtlichen Summe aufaddiert. Und dann der Wetterbericht: viel zu warm für Lappland. Statt endloser Schneewüsten drohten Matsch und Pfützen. War das wirklich das epische Abenteuer, das ich mir vorgestellt hatte?


Doch der größte Zweifel kam von meinem eigenen Körper. Die Hüftschmerzen waren nicht verschwunden. Was, wenn sie mich auf den ersten Kilometern aus dem Rennen warfen? Was, wenn ich all die Zeit, das Geld und die Energie für nichts investiert hatte?


Aber dann dachte ich an die letzten Monate zurück. An die Kilometer, die ich gelaufen war. An die eisernen Morgenroutinen. An das Laufband in Bangalore, an die Visualisierungen, an die Momente, in denen ich mich bereits durch Schmerzen und Erschöpfung gekämpft hatte. Ich hatte zu lange auf diesen Moment hingearbeitet, um jetzt aufzugeben – die Zweifel durften nicht stärker sein als mein Wille.


Also stiegen Martin und ich ins Flugzeug nach Lappland. Der erste Schritt in unser gemeinsames Abenteuer: ein Arctic Winter Skill Kurs – die perfekte Einstimmung auf das, was vor uns lag.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0